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Zum Artikel „Ohne Filter“ ; Süddeutsche Zeitung Nr. 271, Seite 3

„Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna“?

Ähnlich könnte man auch die „Stoßrichtung“ dieses Artikels verstehen: Autismus als „Eigenschaft“, als „Möglichkeit menschlichen Seins“, nicht „psychischer“, sondern „biologischer“ Natur, Teil einer „neurologischen Vielfalt“….

So sehr wohl alle von autistischen Störungen Betroffenen und mit ihrer Behandlung Befassten den Ansatz unterstützen, nicht nur „Defizite“ sondern auch Stärken (Ressourcen) Betroffener wahrzunehmen und diese in therapeutische Ansätze einzubeziehen, so sehr bleibt „Autismus“ doch eine

Störung“.

In der psychiatrischen Klassifikation ist eine Störung dadurch definiert, dass Symptome wie (bei Autismus) die Unfähigkeit zur oder Einschränkung der sozialen Interaktion und Kommunikation, die fehlende soziale und emotionale Gegenseitigkeit und eingeschränkte, sich wiederholende stereotype Verhaltensweisen, Selbst- oder Fremdaggressionen etc. entweder subjektives Leid hervorrufen, oder aber das Zusammenleben mit anderen erheblich erschweren. In der Regel sind (sofern die genannten Kriterien gegeben sind) diese Symptome auch so schwerwiegend, dass sie einer (möglichst früh einsetzenden) Behandlung bedürfen. Warum sonst würden verzweifelte Eltern schon im frühen Alter betroffener Kinder (1-2 Jahre) Rat und Hilfe suchen, weil im Umgang mit ihrem Kind trotz liebevoller Bemühungen nichts ist, wie es sein sollte: keine Reaktion auf elterliche Kontaktaufnahme, keine Bedürfnis nach Körperkontakt, kein gemeinsames Erleben und Spiel.

Von den 6-7 von 1000 Menschen, die eine Störung des „autistischen Spektrums“ aufweisen, verfügen über 2/3 eben nicht über außergewöhnliche sprachliche und intellektuelle Fähigkeiten, die sie Talk-Show -, Film- und Feuilleton-fähig und damit für eine von ihren Eigenarten faszinierte Umwelt interessant machen. Ihr Leben ist gestört und sie bedürfen umfassender pädagogischer, psychologischer und ärztlich-medizinischer Hilfen.

Die „Umdefinition“ autistischer Störungen zur „Eigenschaft“ von der wir alle

„ein bisschen betroffen“ sind, verstellt den Blick auf die tatsächlichen Probleme: einer psychische Störung wird nicht dadurch abgeholfen, daß sie „umdefiniert“, sondern daß sie rechtzeitig erkannt und nach modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen behandelt wird. Dafür setzen sich u.a. die Selbsthilfeorganisation „Autismus Deutschland“, ihr wissenschaftlicher Beirat und Initiativen wie das „Autismus Kompetenznetzwerk Oberbayern“ ein.

Prof. Dr. med. Matthias Dose
Arzt für Psychiatrie/Psychotherapie
Vorsitzender des wiss. Beirates von „Autismus Deutschland“ und Vorstand des „Autismus Kompetenz-Netzwerk Oberbayern“

 

 

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